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Dr. Spangenberg: Über Tränen und Weinen bei Tieren
Krokodilstränen
 | | Frischwasser-Krokodil |
Können Tiere weinen? Prinzipiell ja – alle Säugetieraugen besitzen, genau wie menschliche Augen, einen Tränenapparat. Er hat auch dieselbe Funktion wie beim menschlichen Auge. Heißt, Säugetiere weinen immer dann, wenn ihnen ein Fremdkörper ins Auge gelangt ist und durch die Flüssigkeit entfernt werden soll. Auch bei Augenverletzungen oder Entzündungen fließen die Tränen als Teil der körpereigenen Krankheitsabwehr. Das ist alles praktisch und verständlich. Im engeren Sinne meint man natürlich, wenn man die Frage stellt: Können Tiere weinen?: Weinen sie wie wir? Sind die Tränen Zeichen starker Gefühlsregungen?
Ja, sagen eine Reihe rührender Geschichten. Eine Elefantenkuh soll heftig geweint haben, als sie eine Dressur nicht mehr ausüben konnte. Muttertieren unterstellt man, bei Kummer mit ihrem Nachwuchs zu weinen. Von Hunden und Katzen, die uns Menschen ja so nahe stehen, wird immer wieder berichtet, dass bei ihnen die Tränen geflossen sind.
Ohne Zweifel kennen Tiere wie wir Kummer, Freude und Schmerz, doch weinen aus Gefühlserregung – das wirklich nicht! Da haben sie andere Ausdrucksmöglichkeiten. Allerdings gibt es zwei Tierarten – Ratten und Rennmäuse (Gerbils) –, die nicht nur Tränenfluss zeigen, sondern sogar „blutige“, jedenfalls rötliche Tränen weinen können. Im Kopfbereich sind sie dann mit rötlicher Flüssigkeit verschmiert, die aus den Augen rann. Es handelt sich um Tränen, die mit dem Sekret der sogenannten Harderschen Drüsen versetzt sind. Die rötliche Farbe stammt aus Eisenverbindungen. Es ist noch nicht völlig klar, wie es zur Bildung dieser „blutigen Tränen“ kommt und welche Funktion sie haben. Bei völlig gesunden und zufriedenen Tieren kann man sie jedenfalls nicht beobachten. Nur schlecht gehaltene und unter starkem Stress stehende Ratten oder Gerbils zeigen dieses merkwürdige Phänomen. Es sollte für den Tierhalter ein ernstes Signal sein, die Haltung und Fütterung seiner Pfleglinge sorgfältig zu überprüfen und einen Tierarzt aufzusuchen. Bei diesen beiden Tierarten kann man also mit völliger Berechtigung vom Weinen aus Kummer sprechen.
Der Vollständigkeit wegen sei noch erwähnt, dass es bei Mensch und Tier krankheitshalber zu einer Störung der Tränenbildung kommen kann. Das hat schlimme Folgen, denn das Auge wird trocken, entzündet sich, juckt und schmerzt. Bei Menschen kann man als Notbehelf künstliche Tränenflüssigkeit einträufeln. Das geht auch bei Tieren, ist aber reichlich umständlich. Es gibt eine komplizierte Operation, die zuweilen bei Hunden durchgeführt wird. Man verpflanzt ihnen einen Speicheldrüsengang in die Augenbindehaut. Das Auge wird dann nicht von Tränen, wohl aber von Speichel befeuchtet. Wenn diese Tiere Futter sehen, kullern ihnen die Tränen (= Speichel) aus den Augen.
PS: Die sprichwörtlichen Krokodilstränen gibt es wirklich. Krokodile können beim Verschlingen ihrer Beute tatsächlich so pressen, dass aus ihren Augen einige Tränen laufen. Haben also nichts mit den menschlichen Krokodilstränen zu tun – die kommen nur, wenn wir sehr stark heucheln. Also relativ oft.
Quelle: Magazin der Tierfreunde Nr. 6/2000 Seite 11
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