Berlin und Hamburg - die Vorkriegshochburgen des zoologischen Handels
Der Vorläufer der zoologischen Fachorganisation dürfte der 1896 gegründete "Verein Berliner Vogelhändler" gewesen sein. Man geht wohl nicht fehl, wenn man unterstellt daß Preis- und Wettbewerbsfragen, aber auch Erfahrungsaustausch und Klagen über Lieferprobleme die Versammlungsthemen beherrschten. (Preisabsprachen waren zu damaliger Zeit noch erlaubt!)
Ähnlich waren auch die Anliegen des 1909 gegründeten "Verbandes Zoologischer Spezialgeschäfte und verwandter Gewerbe Berlin" und des 1910 entstandenen "Vereins Hamburg-Altonaer Tier- und Vogelhändler". Die Hamburger erkannten rasch, daß sie den Kreis der möglichen Mitglieder zu klein gesteckt hatten. Am 1. Februar 1912 wurde der Verein "auf verbreiterte Basis" gestellt. Er benannte sich in "Internationaler Tier- und Vogelhändlerverband und verwandte Berufsgenossen" um.
Die Mitgliederliste besaß sehr internationalen Charakter. Die Organisation hatte bald Mitglieder in den großen Metropolen wie Hamburg, Berlin, Moskau, Paris, Marseille, Riga oder Wien. Aber auch Städtenamen wie Andreasberg und Paderborn kamen vor. Tier- und Vogelhändler gab es überall. Die Organisation gab auch eine Zeitschrift heraus und veranstaltetete 1914 in Hamburg den internationalen Tier- und Vogelhändlertag. Ein Ereignis, das auch von der Presse aufmerksam verfolgt wurde - ohne jeden kritischen Unterton. Zumindest das Wort "Vogelhändler" war positiv besetzt, wie man heute sagen würde. Der Erste Weltkrieg beendete die Existenz der Organisation, die man wohl als Vorläufer der I.P.T.O. oder der heutigen EPO bezeichnen kann.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Geschäfte mühsam wieder aufgebaut, soweit es noch Kunden gab, die das Hobby Heimtierhaltung betrieben. Bis die Inflation alles wieder zunichte machte. Und dann kam die Währungsreform 1924 mit ihren Chancen für zweifelhafte Existenzen. 1929 wurde zwar der Versuch unternommen, die Internationale Organisation von Hamburg aus wieder erstehen zu lassen. Es blieb aber beim Versuch.
Hamburg war nicht zufällig zum zentralen Versammlungsort, zum Ort des ersten Tier- und Vogelhändlertags geworden. In der Blütezeit soll es dort 135 Zoohandlungen gegeben haben und entsprechend viele Verbandsmitglieder. Mitglied des Verbandes konnte damals nur werden, wer sich ein Jahr lang bewährt hatte. Eine zweite Hochburg war Berlin: Dort stieg die Mitglieder zahl bis 1929 auf 400! Das Verbandsleben in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bestand in monatlichen Zusammenkünften, in der Kontaktpflege untereinander. Mit den Behörden gab es wegen des unzulänglichen Naturschutzgesetzes kaum Berührungspunkte. Der Versuch einer Einflußnahme, um die Gesetzeslage im eigenen Interesse zu verändern, schien damals nicht angebracht.
Walter Demann schrieb über diese Zeit "Die Anfang 1924 erfolgte Währungsreform (Rentenmark) gibt ungeahnte Möglichkeiten. Ausländische Seltenheiten werden von den Berlinern gewissermaßen im Nachholbedarf geradezu verschlungen. Der Wellensittich tritt seinen Siegeszug an. Die Aquaristik beginnt sich gewaltig zu regen und sucht neue Wege. All das Neue wird von fahrenden Männern des Verbandes begutachtet, empfohlen oder verworfen. Auch in der Käfigindustrie tut sich etwas. Vom Holzkäfig über den sehr teuren genadelten Metallkähg gelangt man zum punktgeschweißten. Eine neue Ära beginnt auf allen Gebieten. Die Pflege einheimischer edler Weichfresser steht in voller Blüte."
Die Zeit von 1930 bis zum Kriegsende war dramatisch: Mit der ansteigenden Erwerbslosenzahl wuchs die Zahl nebenberuflicher Züchter von Kanarien, Wellensittichen und Zierfischen. Zwar stieg damit der Futterumsatz, aber die Preise für Vögel, Fische und andere Tiere fielen beträchtlich. Schwarzhersteller von Zoozubehör brachten Industrie und Sortimentsgroßhändler zur Verzweiflung. Ein verbandliches Durchgreifen war nicht möglich. Berlin und andere Großstädte meldeten ein erhebliches Ansteigen der zoologischen Kellergeschäfte. Dazu verbreitete sich in den dreißiger Jahren die von Amerika eingeschleppte Papageienkrankheit (Psittacose) von Wien, Hamburg, Berlin über ganz Deutschland.
Erst 1933 entstand der "Reichsverband zoologischer Spezialgeschäfte Deutschlands" mit Sitz in Berlin, dem 1935 alle Zoohandlungen im Reich angehören mußten. Die Pflichtmitgliedschaft war für die gesamte Wirtschaft gesetzlich verankert. Die Reichsverbände gingen später über in Wirtschafts- und Reichsgruppen. Der Zoohandel wurde Fachgruppe 12 der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel. Geschäftsführer waren während der 30er Jahre bis zur Auflösung zunächst Dr. Neuendorf und danach Dr. Schwaiger.
Der Reichsverband mußte in seiner Anfangszeit um seine Anerkennung als marktregelnde Organisation kämpfen Es oblag ihm in der Folgezeit als verlängerter Arm der Reichsgetreidestelle eine gerechte Futtermittelverteilung zu gewährleisten. Der Import an Hirse und ausländischen Saaten schrumpfte infolge der Devisenknappheit erheblich zusammen. Das bedeutete für die Zoofachhändler viel: 80 bis 90 Prozent des Vogelfutterumsatzes ging damals über den Fachhandel. Als Pflichtorganisation umfaßte der Verband auch die Kynologen - den Hundehandel - mit ihren Sonderproblemen. 1935 wurde das Gesetz zum Schutz des Einzelhandels verkündet, und damit erwuchsen dem Verband wieder neue Aufgaben, denn die Bestimmungen erforderten zur Neugründung von Geschäften den Nachweis der Fachkunde - eine Einrichtung, die man sich heute wieder dringend wünscht! Zu den von den Kammern durchzuführenden Prüfungen stellten die Verbände die erforderlichen Fachprüfer. In Berlin, so wird berichtet, ließ man im Umkreis von 300 Metern keine zweite Zoohandlung zu.
Im Jahr 1936 wurde die lang ersehnte Reichsnaturschutzverordnung erlassen, die 1940 noch ergänzt wurde. Damit setzte zu deren Durchführung die Zusammenarbeit mit der Reichsstelle für Naturschutz und dem Reichsforstamt ein. Professor Dr. Schoenichen und Dr. Ecke von der Reichsstelle waren faire Verhandlungspartner, so erinnerten sich die Verantwortlichen von damals.
Warenzuteilung war den Fachgruppen untersagt; dafür war der Reichsverband autorisiert. Er hat während des Zweiten Weltkrieges viel geleistet obwohl die Zoofachhändler lieber ihre Fachgruppe 12 als Ansprechpartner in allen Lebenslagen gesehen hätten. Die Fachgruppe suchte sich oft zum Fürsprecher zu machen - bis das Kriegsende jede verbandliche Tätigkeit zum Erliegen brachte, und die Verbände und Wirtschaftsgruppen aufgelöst wurden.
Der Zoologische Zentralanzeiger hatte als nicht kriegswichtig schon 1944 sein Erscheinen einstellen müssen. Seine erste Ausgabe stammt übrigens aus dem Jahr 1903. Es ist ein Phänomen, daß das Sprachrohr der Branche bereits vorhanden war, ehe der "Reichsverband des deutschen Zoohandels" zustande kam. Die Jahrgänge bis 1943 sind durch Kriegseinwirkungen verlorengegangen. Es war der Verbands- und Zeitschriftenverlag in Mainz, der in diesen Jahren die Nachrichten aus der Branche sammelte und sie den Zoofachhändlern anbot. Als der Verlag Ende der 40er Jahre die Erlaubnis bekam, den "Zoologischen Zentralanzeiger" wieder herauszugeben - damals mußten die Besatzungsmächte eine entsprechende Lizenz erteilen war er wieder auf dem Markt, noch vor der Verbandsgründung. Als ein Zentralverband aus der Taufe gehoben wurde, wurden erste Überlegungen angestellt, den ZZA zum Verbandsorgan zu machen.
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