Herbert Bollhöfer - Utopie des Möglichen
Herbert Bollhöfer war zehn Jahre lang Präsident des ZZF: souveräner Kapitän des Verbandes, dessen Kurs er in diesem Jahrzehnt wesentlich bestimmt hat. Der Traditionalist, der aus einer Händlerfamilie stammt, war auch Erneuerer: Er hat ein Jahrzehnt lang einen konsequenten Reformkurs gesteuert. Mit den "Heidelberger Beschlüssen" im Jahr 1991 wurden neue Standards für den Tierschutz festgelegt und der Stellenwert der Heimtierbranche in der gesellschaftspolitischen Diskussion neu positioniert. Bollhöfer hat die wirtschaftlichen, beruflichen und sozial-politischen Interessen der Mitglieder des ZZF gewahrt, um gleichzeitig das Bewußtsein für Tierschutz zu schärfen.
In der Ära Bollhöfer hat sich das Verhältnis zu Tierärzteverbänden entspannt, wie dies kaum einer für möglich gehalten hätte. Der Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT) und die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) sind übereingekommen, gemeinsam mit dem ZZF besonders gut geführte Zoofachgeschäfte auszuzeichnen. Eine Auszeichnung für Betriebe, die Vorbild für tierschutzorientierten Handel und Umgang mit Heimtieren sind. Sollte nicht jedes Unternehmen, das dem ZZF angehört, in dieser Weise am Markt agieren? Müßte es nicht ausreichen, ein ZZF-Logo an der Tür zu haben, das Gütesiegel genug sein müßte? Gewiß, das war auch das Ideal des langjährigen Präsidenten. Aber niemand wußte besser als Bollhöfer, daß das Mögliche gelegentlich wie eine Utopie erscheint. Auch seine Überzeugungskunst hat nicht immer ausgereicht, um die Reihen der Mitstreiter geschlossen zu halten. Unterwegs ist mancher abgesprungen, der Verband hat Mitglieder verloren. Darunter solche, denen der dramatische Strukturwandel der Branche verborgen blieb.
Bollhöfers Amtsperiode war geprägt vom Kampf gegen "Positivlisten" im Artenschutzrecht auf deutscher und europäischer Ebene. Fast hat man die Zeiten vergessen, in der eine breite Öffentlichkeit gegen diese mögliche Beschränkung der Heimtierhaltung zu mobilisieren war. Es gab Anfang der 90er Jahre eine bundesweite Unterschriftenaktion gegen "Positivlisten", an der sich über 250.000 Menschen beteiligten. Bollhöfer vertrat damals die Ansicht, daß die vom Deutschen Naturschutzring angezettelte Diskussion den Blick von der wirklichen Problematik des Natur- und Artenschutzes ablenke. Tatsächlich verzettelte der Kampf um "Positivlisten", wie Bollhöfer erkannt hatte, die Kräfte all Jener die - wie der Zoofachhandel - für eine gesunde Umweltwelt und Biotoperhaltung streiten. Zur Abwehr der "Positivlisten" wurde der Gelsenkirchener Kreis ins Leben gerufen. Hier saßen Zoodirektoren mit Importeuren, Groß- und Einzelhändlern sowie den Repräsentanten der Industrie an einem Tisch, um Gemeinsamkeiten auszuloten. Es gelang, eine Abwehrstrategie zu entwickeln - erfolgreich, wie man heute weiß.
Am 27. April 1990 wurde - nicht zuletzt ein Verdienst Bollhöfers - in Zürich die European Pet Organization (EPO) gegründet, Folge des Niedergangs der Vorläuferorganisation IPTO. Die EPO mit ihrem Schweizer Präsidenten Felix Weck und den Vizepräsidenten Kurt Essmann, Österreich, dem Franzosen Louis Bouille und Herbert Bollhöfer als Repräsentanten der bundesdeutschen Heimtierbranche, nahm auf europäischer Ebene die Diskussion um den Artenschutz auf und schaltete sich in andere Themen der Heimtierbranche ein. Die Notwendigkeit eines europäischen Sprachrohrs der Branche hatte Bollhöfer früh gesehen. Agieren, statt zu reagieren - so lautete auch in diesem Punkt sein Motto. Die EPO wurde für ihn in dem Maße notwendiger, in dem der EG-Kommission Kompetenzen für Tier- und Artenschutz, aber auch für Seuchen- und Veterinärrecht zuwuchsen. Bollhöfer vertrat als EPO-Vizepräsident die Branche 1992 auf der WA-Konferenz in Kyoto, 1994 in Fort Lauderdale und zuletzt in Simbabwe.
Krisenmanagement hatte Bollhöfer zu betreiben, als die Lufthansa ein Embargo für wildgefangene exotische Vögel verhängte oder der Frankfurter Flughafen scharfe Kontrollen für Zierfischimporte androhte, die den Zierfischgroßhändlern ihre Arbeit sehr schwer gemacht hätte. Darüberhinaus drohte den Zierfischen durch unerträglich lange Abfertigungszeiten Gefahr. Hier galt es, zu agieren. Dabei hatte es Bollhöfer nicht selten mit merkwürdigen Koalitionen zu tun: Es verbündeten sich extremistische Tierschützer mit rechtsgerichteten Politikern, um gemeinsam die Öffentlichkeit gegen den Zoofachhandel zu mobilisieren. Die Antwort Bollhöfers darauf hieß: eigene Öffentlichkeitarbeit, um behutsam gegenzusteuern.
Bollhöfer selbst war ein glänzender Öffentlichkeitsarbeiter für die Belange der Branche: Er trat in Fernsehdiskussionen auf, stellte sich auf unzähligen Podiumsdiskussionen den Fragen von Journalisten und Verbandsvertretern - von AZ bis ZVG. In Interviews griff er in die öffentliche Diskussion ein und stellte viele Ungereimtheiten richtig.
Daß der Verband den Fachhandel gegen alle Veränderungen am Markt schützen soll - diese Forderung hat Bollhöfer oft gehört und immer zurückweisen müssen. Der ZZF könne nicht ein "Überleben ohne Veränderung" garantieren. Wohl aber auf die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen hinarbeiten - und das tat er auch, Jedenfalls nach Meinung des ehemaligen Präsidenten. Darüber hinaus leiste er "Hilfe zur Selbsthilfe", so Bollhöfer, in der Vergangenheit, müsse das aber auch in Zukunft tun.
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