Qualzucht verhindern

Merkmale von Defektzuchten erkennen

Wer sich ein Heimtier anschafft oder züchten möchte, sollte genau hinschauen – besonders auf Merkmale, die den Tieren schaden können. Dazu gehören auch gentechnisch veränderte oder gefärbte Tiere.

Manche Zuchtmerkmale können Heimtiere krank machen: Hunde mit großen, rundlichen Köpfen und kurzen Kiefer- und Nasenknochen haben oft Atemnot, Schluckbeschwerden oder Schlafstörungen. Katzen mit Faltohren tragen einen Gen-Defekt, der zu schweren Knorpel- und Knochenschäden im ganzen Körper führt. Bestimmte Farbmorphen von Reptilien zeigen ein stark erhöhtes Risiko für Krebs oder weisen neurologische Schäden auf.

Video in English

Dr. Stefan Hetz talks about extreme breeds

1999 wurde ein Gutachten zum §11b des Tierschutzgesetzes veröffentlicht, in dem bestimmte Qualzuchtformen beschrieben werden. Züchterinnen und Züchter, Zoofachhändler und Tierfreunde sollten diese unbedingt beachten. Dabei geht es um Defektgene, ihre Folgen und genetisch bedingte Übertypisierungen, also besonders stark ausgeprägte Merkmale, die ebenfalls Leiden auslösen können.

Alle Merkmale, die bei der Zucht versehentlich oder geplant entstehen und den Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden bringen, fallen unter den Begriff Qualzucht. Die Zucht mit solchen Tieren ist in Deutschland verboten.

Beispiele für Übertypisierungen

Hunde 

  • Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) → Atemwegsverengung mit Atembeschwerden bis hin zur Atemnot, gestörte Thermoregulation (Hitzestau) durch Störung des Hechelns, eingeschränktes Kommunikationsverhalten, Schlafapnoe (z.B. bei einigen Möpsen, Cavalier King Charles Spaniel und Französischen Bulldoggen) 
  • Übermäßige Hautfalten → Entzündungen, Juckreiz, Fehlstellung der Augenlider (Entropium)
  • Extrem kurze Beine / langer Rücken → Ellenbogendysplasie, Bandscheibenprobleme, Querschnittslähmungen (z.B. bei einigen Dackeln) 
  • Abfallender Rücken → Bewegungsstörungen, Arthrose, Wirbelsäulenprobleme (z.B. bei einigen Schäferhunden) 
  • Farbschläge oder Zuchtformen → die mit Blindheit, Verhaltensstörungen oder Organproblemen einhergehen 

Katzen

  • Gefaltete Ohren → Knorpeldefekt, Gelenkschmerzen (z.B. bei Scottish Fold)
  • Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) → Atem-, Augen- und Zahnprobleme (z.B. bei einigen Perserkatzen)
  • Nacktkatzen → kein Schutz vor Kälte, Zugluft oder Hitze.

Kleinsäuger 

  • Zwergwuchs → Zahnfehlstellungen durch verkürzte Schädel, Neigung zu Bandscheibenvorfällen 
  • Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) → Atem-, Augen- und Zahnprobleme (z.B. bei einigen Hermelin Kaninchen)
  • Übermäßig lange Ohren → Neigung zu Ohrproblemen 
  • Gestörtes Haarwachstum bis hin zur Haarlosigkeit (v.a. bei einigen Meerschweinchen, Ratten, Hamstern)  
  • Schwanzlosigkeit (z.B. bestimmte Zuchtformen bei Ratten) 

Vögel

  • Schnabelverkürzung → Jungtiere können Eischale beim Schlupf nicht öffnen 
  • Federhauben → Vögel sind in der Sicht behindert, ggf. dauernde Reizung der Augen (z.B. bei einigen Kanarien- oder Wellensittichzuchtformen) 
  • Übermäßiges Federwachstum → Beeinträchtigung der Sinnesorgane, Augen und Schnabel 
  • Positurformen→ Vögel sitzen oder stehen unnatürlich auf Sitzgelegenheiten (z.B. bei einigen Kanarienvogel-Zuchtformen)

Reptilien 

  • Bestimmte Farbvarianten → Entzündungen, Tumore (z.B. Lemon-Frost-Gecko), neurologische Störungen (z.B. Wobbler bei einigen Riesenschlangen), Albinismus (Risiko für UV-Schäden) 
  • Zurückgebildete oder Fehlen von Beschuppung → Veränderungen im Wasserhaushalt, erhöhtes Verletzungsrisiko, Risiko für UV-Schäden 

Fische 

  • Fehlende Rückenflossen oder umgebildete Schwanzflossen → Formen, die eine artgemäße Fortbewegung nicht mehr zulassen 
  • Wucherungen im Augenbereich → z.B. Gewebewucherungen am Kopf und an den Augen, welche teleskopartig wirken oder unnatürlich nach oben weisen, schränken das Gesichtsfeld ein
  • Verkürzte und verkrümmte Wirbelsäule / Ballonformen → stark verkürzte oder gekrümmte Wirbelsäule, die eine artgemäße Fortbewegung behindert 

Was sollten Tierfreunde beachten?

  • Heimtierwahl kritisch hinterfragen

    → In dem Gutachten zum Tierschutzgesetz sind bereits heute einige Qualzuchtformen beschrieben. Wenn eine Rasse oder eine Morphe nachweislich eine schlechte genetische Basis hat, sollten Tierfreunde die Zucht dieser Tiere nicht unterstützen

  • Keine extremen Trends unterstützen

    → Achtung bei prominenten Persönlichkeiten: Tierfreunde sollten nicht Trends folgen und Tiere mit Extremzuchtmerkmalen halten, nur weil Promis sich mit ihnen präsentieren

  • Züchter gezielt befragen

    → Seriöse Züchter legen Gesundheitsnachweise und Zuchtziele offen.

  • Aufklärung betreiben

    → Tierhaltende können bei der Aufklärung über Extremzuchten helfen und unsere Videos teilen.

zza Interview mit Dr. Stefan Hetz, wissenschaftlicher ZZF-Referent

„Das kann lebensbedrohlich sein”

Goldfische werden schon lange in Deutschland gezüchtet, leider manchmal auch mit negativen Auswüchsen. Diesen drei Exemplaren geht es aber offenkundig gut.
Im zza-Interview spricht Dipl.-Biologe Dr. Stefan K. Hetz über den Begriff "Qualzucht", die Nachfrage bei Heimtierhaltern und mit welchen Problemen einige Heimtierarten zu kämpfen haben.

Zum Artikel auf zza-online.de

Gentechnisch veränderte fluoreszierende Zierfische

Ab und zu tauchen im internationalen Zierfischhandel unnatürlich bunte leuchtende Fische auf. Sie sind entweder gentechnisch verändert oder gefärbt. In der EU ist der Handel mit gentechnisch veränderten Zierfischen verboten. Die Mitglieder des ZZF haben darüber hinaus beschlossen, nicht mit künstlich durch Injektion von Farbstoffen gefärbten oder durch genetische Manipulation eingefärbten Zierfischen zu handeln.

Gentechnisch veränderte fluoreszierende Fische
Foto: Svein Fossa

Kontakt

Dr. Stefan K. Hetz

Dr. Stefan K. Hetz

Wissenschaftlicher Fachreferent für Heimtiere und internationale Beziehungen